Zum Geigen geboren

Woche für Woche erleben Sie unsere Musikerinnen und Musiker im Konzert, haben mit ihnen nach dem Konzert oder an einem Tag der offenen Tür ein paar Worte gewechselt – small talk eben. Doch wer sind die Menschen hinter dem Orchestermitglied? Was bewegt sie, weshalb sind sie ausgerechnet Musikerin geworden und nicht Arzt oder Lehrerin? Wie lebt es sich in der Gemeinschaft Orchester?

Das Schicksal meint es gut mit Vanessa Szigeti. Sie, die einer Musikerfamilie entstammt, gewann im Oktober 2018 das Probespiel um die Orchesterstelle als Stimmführerin der Zweiten Geigen. Ihr Bruder ist Solo-Bratschist in Liège, der Urgrossonkel Joseph Szigeti war Musiker und mit Béla Bartók befreundet, ihr Vater ist zweiter Geiger im renommierten Enesco Quartet.
Ihre früheste Kindheit verbrachte sie auf Konzertreisen, mit fünf wurde sie durch den Vater eingeschult. Letztlich habe sie keine Wahl gehabt, also wurde sie Musikerin, Geigerin wie der Vater. Dieser Tage wird ihr erstes Kind zur Welt kommen. Es soll zumindest das Instrument dereinst selbst wählen dürfen, meint Vanessa Szigeti. Lesen Sie, was sie Melanie Kollbrunner über ihr Leben, ihren Werdegang erzählt hat.

Vanessa Szigeti ist seit einem Jahr Stimmführerin der zweiten Geige im Tonhalle-Orchester Zürich. Die Erste Zweite sagt, dies hier sei ihr letzter Job. Nun legt sie ihn für einige Monate zur Seite: Bald nämlich wird sie Mutter.

Paris, London, Wien. «Was machma jetzt?», fragt Vanessa Szigeti beim Café in Zürich . Sie sei ganz Parisienne, der Rhythmus der Grossstadt nach 22 Jahren in der Stadt ein Teil ihres Wesens. Wenn sie von den Stationen ihrer Ausbildung an den besten Konservatorien der Welt erzählt, dann klingt da ihre Zeit in Österreich mit, hier und da ein paar Fetzen Englisch, weil die gerade näherliegen, und immer ein ganz leichter französischer Akzent. Parisienne von Welt, die sie eben ist.

Aufgewachsen ist sie gegenüber von Radio France, dem Daheim des Orchestre National de France. Musik gab es allerdings auch zu Hause: Die Szigetis sind Geiger, zumindest die Vorfahren väterlicherseits. Ihr Bruder lebt heute in Belgien, er ist Solo-Bratschist am Orchestre Royal Philharmonique de Liège. Und ihr Urgrossonkel Joseph Szigeti war einer der Grössten seines Fachs zwischen den Kriegen, sein Freund Béla Bartók komponierte die Contrasts für Klavier, Violine und Klarinette für sich selbst, für Szigeti und für Benny Goodman. Ihren Urgrossonkel allerdings kannte Vanessa nicht mehr, er starb 1973 in Luzern, sie indessen kam 1985 in Paris zur Welt. Seinen Geist aber glaubt sie noch zu spüren.

Vaters Violine

Ihr Vater Florin Szigeti ist zweiter Geiger im renommierten Enesco Quartet, das er vor vierzig Jahren in Bukarest mitbegründete. Ihre Eltern stammen aus dem rumänischen Teil Ungarns, aus Siebenbürgen. Alle vier Musiker flüchteten mit ihren Familien vor dem Kommunismus, um in Frankreich ein freieres Leben zu beginnen. In Paris musiziert das Quartett noch heute in seiner ursprünglichen Formation.

Vanessa Szigeti war noch nicht auf der Welt, als sich ihr Vater im Pariser Geigenbauerviertel im achten Bezirk eine neue Violine kaufen ging: Es war eine des berühmten italienischen Geigenbauers Stefano Scarampella. Er schenkte sie später seiner Tochter Vanessa, die noch heute darauf spielt und ihr Instrument liebt. «Eine eigentliche Wahl hatte ich keine», sagt sie heute. Ihre früheste Kindheit verbrachte sie auf Konzertreisen, mit fünf schulte sie ihr Vater, später bekam sie Unterricht bei namhaften Lehrern wie Olivier Charlier, Jean-Jacques Kantorow oder Pavel Vernikov: «Das Beste aus beiden Welten», wie sie über die beiden Stilrichtungen ihres Fachs sagt, aus der französisch-belgischen Schule und aus der russischen. Zum Glück habe sie nie Widerwillen empfunden gegen die Welt der Musik, in die sie hineingeboren wurde. Gerne würde sie sich hier und da als grosse Kämpferin darstellten, sie habe aber einfach auch viel Glück gehabt. Ihr Kind, sagt sie und blickt auf ihren Bauch, soll dann wählen. «Zumindest das Instrument», Vanessa Szigeti lacht.

Der Rest ist Geschichte

Ihr erstes Engagement in der Orchesterwelt führte sie in den Graben der Staatsoper Wien. Aus jener Zeit stammt neben dem Akzent auch ihr ihr Wissen darum, was sie wirklich will: «Mir ist nicht wohl in einem Graben»: Das Abwarten versteckt und gar nicht da, wo alles geschieht. Das Allerschönste sei doch gerade der Kontakt zum Publikum, Fäden zu spannen in alle Richtungen. Genau deshalb liebt sie ihre Position als Stimmführerin der zweiten Geigen so sehr, den sie seit letztem Jahr gemeinsam mit Kilian Schneider innehat: «Man kommuniziert mit dem Konzertmeister, mit allen Stimmführern, mit dem Dirigenten und mit dem eigenen Register natürlich, man lauscht nach hinten zu den Solisten, und manchmal ist man selbst einer» – kein Wunder liegt ihr auch die Kammermusik nahe. Wenn sie dann nach dem Konzert bei einem Glas Wein vom Publikum Rückmeldungen bekomme, dann sei das das Beste, dann wisse sie, ob sie und das Orchester ihre Arbeit gemacht hätten. Als Vanessa Szigeti am 13. Oktober 2018 vom Tonhalle-Orchester Zürich zum Probespiel antrat, da habe sie nur gewusst, dass das hier sehr schwierig würde, zu schön wahrscheinlich, um wahr zu sein.

Die letzte Stelle

«Und der Rest ist Geschichte», sagt sie. Und die geht so: Nach Zürich brachte Vanessa Szigeti die Liebe. Nicht die zu ihrer Hauskatze Don Marcel Jupiter, die nahm sie einfach überallhin mit, sogar ein eigenes Konto auf der Bildplattform Instagram unterhält sie für den Kater.
Ihr baldiger Schwiegervater rief sie aus der Schweiz an, sie solle in Bern an seinem Festival spielen kommen. Sie kam und traf auf ihren künftigen Partner Alexander, dann eben auch auf die Frage: «Was machma jetzt?» Das war vor vier Jahren, die die Beiden pendelnd überbrückten, erst zwischen Luxemburg und Zürich, später von Mulhouse aus. Nun sitzt sie in einem Haus voller Musiker auf ihrem Sofa, während sie Don Marcel krault und Alexander beim Klavierspielen zuhört, wie sie erzählt. Manchmal könne sie ihr Glück nicht fassen. Leider wird die Wohnung nun zu eng für die kleine Familie, die sie bald sein werden. Sie suchen ein neues Daheim, gerne in der Stadt oder am Stadtrand, wichtig sei ein Balkon: Gerade ernte sie Salat und freue sich schon jetzt wieder auf die Blumen. Ja, sie sei sehr häuslich geworden, die Parisienne. Vieles verändere sich gerade. Und doch wisse sie schon jetzt, dass ihr Orchester zur Konstante in ihrem Leben werden dürfte: «Das hier ist meine letzte Stelle.»

Melanie Kollbrunner

veröffentlicht: 02.05.2020