Volksmusik im sinfonischen Gewand

Wie schafft man eine nationale Musiksprache? Wie klingt Heimat? Wie bettet man Volksmusik in Kunstmusik ein? Fragen, die Tschaikowsky lange beschäftigten – und auf die er in seiner 2. Sinfonie gleich mehrere Antworten fand. Eine Entdeckungstour der folkloristischen Einflüsse.

Pjotr I. Tschaikowsky (1840–1893), (Bild: commons.wikimedia.org)
Tschaikowsky hatte eine enge Beziehung zur Ukraine, die damals «Kleinrussland» genannt wurde. In Simferopol auf der Krim ist er in einer Statue verewigt. (Bild: commons.wikimedia.org)
In diesem Haus im ukrainischen Kamjanka begann Tschaikowsky (ganz rechts) seine 2. Sinfonie.(Bild: commons.wikimedia.org)
Nach seinem Aufenthalt in Kamjanka und einem Abstecher im ukrainischen Nizy setzte Tschaikowsky die Arbeit an der 2. Sinfonie im russischen Ussowo fort. Hier wohnte er auf dem idyllischen Grundstück der befreundeten Familie Schilowsky. Bild: www.russia.travel)
Tschaikowsky setzte sich intensiv mit Volksliedern auseinander und schrieb u.a. die Sammlung von «50 russischen Volksliedern» (zu sehen ist das Titelblatt). In der 2. Sinfonie spielt folkloristische Musik eine entscheidende Rolle. (Bild: www.prlib.ru)

«Es handelt sich um ein Werk von europäischem Format, und ich ergänze ausdrücklich, dass es turmhoch über allen früheren Kompositionsversuchen des Herrn Tschaikowsky steht [...] die bemerkenswerten Schönheiten der übrigen Sätze der Symphonie werden [...] von dem kühnen und erhabenen Finale entschieden übertroffen.» Hinzu komme Tschaikowskys «ausserordentlich subtiles und lebhaftes Gespür für die gesunde und grossartige Schlichtheit unseres Volksliedes».

Mit seinen lobenden Worten brachte der Kritiker Herman Laroche die Erfolgsfaktoren von Tschaikowskys 1873 unter Beifall uraufgeführter 2. Sinfonie auf den Punkt:

  • Verwendung von Volksliedern
  • ‹schöne› Musik
  • eine anspruchsvolle, an Westeuropa orientierte Kompositionshaltung

Der letzte Satz verkörpert dies auf anschauliche Weise. Nach einer erhabenen Einleitung stellt Tschaikowsky ein simples Thema aus der Volksmusik vor; aus diesem macht er anschliessend einen formal ausgewogenen Satz in Manier westlicher Kunstmusik. Kein Wunder, dass ihn nicht nur Laroche bevorzugte – und ihn Tschaikowsky als erstes komponierte.

4. Satz

Das Thema, das Tschaikowsky verwendet, stammt aus dem ukrainischen Volkslied «der Kranich», das noch heute weitumher bekannt ist.

Die Sinfonie kann «‹kleinrussisch› genannt werden»

Der Ursprung des Volkslieds aus dem vierten Satz führt direkt zum Untertitel der Sinfonie. Er stammt von Nikolai Kaschkin, einem Freund Tschaikowskys, der feststellte: «Das Hauptthema des letzten Satzes ist [...] ein volkstümliches kleinrussisches».

Auf dieser «Racial Map» von 1923 fungiert die Bezeichnung «Little-Russians or Ukrainians» (Karte: commons.wikimedia.org)

Kleinrussland? Damit bezeichnete man die Ukraine, die damals zum russischen Reich gehörte. Auf ukrainischem Gebiet hielt sich Tschaikowsky häufig auf, u.a. da seine Schwester Alexandra in Kamjanka ein Gutshaus besass. Hier begann er auch mit der Komposition der 2. Sinfonie. Die Inspiration zum «kleinrussischen» Thema ist untrennbar mit Kamjanka verbunden: Gemäss eigener Aussage sang der dortige Bedienstete Pjotr Gerasimovič Kozidub die Melodie (in anderer Gestalt), als Tschaikowsky dort war. Deshalb bezeichnete ihn Tschaikowsky gar als «Urheber» des letzten Satzes.

«Über meine Sinfonie hast Du wahrscheinlich aus den Zeitungen erfahren; ich füge von mir aus hinzu, dass sie grossen Erfolg hatte, und besonders ‹Zuravel› [das Finale] ist sehr beifällig aufgenommen worden. Die Ehre dieses Erfolges schreibe ich nicht mir zu, sondern dem tatsächlichen Urheber der genannten Komposition, Pjotr Gerasimovič [Kozidub], der in der Zeit, als ich den ‹Kranich› komponierte und mir vorspielte, ständig an mich herantrat und mir vorsang …»

Brief von Tschaikowsky an seinen Bruder Modest vom 13.02.1873

«Die ganze Gesellschaft riss mich beinahe in Stücke vor Begeisterung»

Dass Tschaikowsky im Finale von einem ukrainischen Volkslied Gebrauch machte, freute auch die Mitglieder des «Mächtigen Häufleins» – jene Gruppe russischer Komponisten um Mili Balakirew, die für die Etablierung einer eigenständigen russischen Kunstmusik eintraten. Am 26. Dezember 1872 spielte Tschaikowsky dem Kreis den letzten Satz aus der 2. Sinfonie am Klavier vor. Dabei entdeckten die «Neuerer» der russischen Musik begeistert, dass Tschaikowsky zwei wichtige Ideale einlöste, denen auch sie nachspürten:

  • Volkstümlichkeit durch die Verwendung von Volksmusik
  • bildhafter, programmatischer Charakter durch das Suggerieren von Volksleben

Die Verwendung eines ukrainischen Themas war in den Augen des «Mächtigen Häufleins» zudem eine politische Botschaft, da «Kleinrussland» so auch kulturell zum russischen Reich geschlagen wurde. Tatsächlich findet in der 2. Sinfonie von Tschaikowsky eine eigentliche Zusammenführung von ukrainischen und russischen Volksliedern statt, wobei letztere auch in ukrainischen Varianten auftreten.

Tschaikowsky nahm die Lieder als Grundlage für weite Teile seiner Komposition, in welcher die allgemein russische Folklore in der formal westlich inspirierten Kunstmusik aufgeht. Dieser letzte Punkt sollte ihm später punktuell von Mitgliedern des «Mächtigen Häufleins» vorgeworfen werden.

Volksmusik in der 2. Sinfonie

Ukrainische Volksmusik

Der 1. Satz beginnt mit einer Einleitung, die auf der ukrainischen Variante des russischen Volksliedes «Mütterchen Wolga hinab» beruht. Im Verlaufe des Satzes integriert Tschaikowsky die zu Beginn separat vorgestellte Melodie in die musikalische Struktur.

1. Satz

Russische Volksmusik

Für den 2. Satz verwendete Tschaikowsky den Hochzeitsmarsch aus seiner Oper «Undine» (Tschaikowsky verwarf die 1869 komponierte Oper im Folgejahr und vernichtete die entsprechenden Noten). Die Melodie des Mittelteils ist dem russischen Volkslied «Spinne, meine Spinnerin» entnommen («Prjadi, moja prjaka»). Dieses Lied hatte Tschaikowsky zuvor schon in einer Fassung für Klavier zu vier Händen arrangiert (in den «50 russischen Volksliedern zu für Klavier zu vier Händen» von 1868/69). Dank der 2. Sinfonie blieb die sinfonische Fassung dieses Liedes erhalten.

2. Satz


Text: Lion Gallusser

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veröffentlicht: 30.03.2021