Prickelnde Signale aus den hinteren Reihen

Woche für Woche erleben Sie unsere Musikerinnen und Musiker im Konzert, haben mit ihnen nach dem Konzert oder an einem Tag der offenen Tür ein paar Worte gewechselt – small talk eben. Doch wer sind die Menschen hinter dem Orchestermitglied? Was bewegt sie, weshalb sind sie ausgerechnet Musikerin geworden und nicht Arzt oder Lehrerin? Wie lebt es sich in der Gemeinschaft Orchester?

Vor fünfzehn Jahren trat er seine Stelle als Solotrompeter an. «Du glaubst, Du kannst fliegen», beschreibt er den erhabenen Moment, wenn ein Solo gelungen ist. Das Konzertpublikum empfindet in solchen Augenblicken vergleichbare Gefühle. Denn genau dafür kommt es ins Konzert, und genau dafür lebt der Musiker. Doch alles kann auch ganz anders sein, nicht erhaben, dafür bleiern. Doch lesen Sie selbst Melanie Kollbrunners Porträt von Philippe Litzler.

Philippe Litzler ist Solotrompeter im Tonhalle-Orchester Zürich. Sein Klang ist warm und brillant wie perlender Champagner, das Instrument sein treuster Freund, auch wenn er sich beinahe von ihm entfremdet hätte.

Philippe Litzler setzt an zu Mahlers fünfter Sinfonie. Ihm allein gehört die Stille im Saal, sein Trompetenklang brilliert, Trauermarsch hin oder her. Sein Orchester, sein heutiger Chefdirigent, sein Publikum, jeder Platz besetzt: Ein Oktoberabend in der Tonhalle Maag. «Super», sagt Philippe, er sagt es oft, begeisterungsfähiger Mensch, der er ist. «Du glaubst, du kannst fliegen in diesem Augenblick.» Überhaupt: Paavo vertraue jedem und jeder, sporne zu Leistung an. Das Orchester sei bereit – immer wieder seien da Glücksgefühle für alle im Saal möglich. Eben: «Super.»

Super war es nicht immer, nicht immer gelang es Philippe mit dem ansteckenden Lachen, die Dinge ins Positive zu wenden und grundoptimistisch durchs Leben zu gehen wie er es heute mit fünfzig zu tun gelernt habe. Er schlitterte in eine tiefe Krise, kaum hatte er vor fünfzehn Jahren beim Tonhalle-Orchester Zürich seine Stelle als Solotrompeter angetreten. Konkret: Sein Instrument tat nicht mehr, was er von ihm verlangte. «Es war, als hätte ich einen fremden Gegenstand in den Händen.» Burnout? «Vielleicht», sagt er am Telefon in seinem Zuhause im Elsässischen Saint-Louis. «Mein Ego hat mir das Bein gestellt», sagt er, «ich habe mir unmögliche Hürden gestellt und konnte nicht akzeptieren, dass ich alle Leichtigkeit plötzlich verloren hatte, nicht mehr wie früher in kürzester Zeit konzentriert meine Ziele erreichte.» Davon habe keiner etwas mitbekommen, er habe sich die Leistung trotz der Verzweiflung abgerungen.

Meister der Chakren

Philippe holte sich Hilfe, Antidepressiva kamen nicht in Frage, er lehnte derlei Medikamente ab, besuchte stattdessen eine Naturheilpraktikerin und erfuhr von Reiki: Ein Wendepunkt in seinem Leben. Reiki, die Energie, die in allem Leben sei, die ihn zurück zur Musik und zu sich selbst geführt habe: «Es war magisch. Die Chakren sind wieder geflossen.» Philippe war so begeistert, dass er sich in die Materie vertiefte und über alle vier Stufen, die das Konzept kennt, weitergebildet hat. Heute legt er selbst Hand auf, ist Reiki-Meister und behandelt Menschen in seinem Haus, inzwischen auch mittels Klangschalentherapie. Seither, sagt er, bliebe ihm alles fern, was an seiner Energie ziehe und zehre, er sei frei.

Auch seinen Studentinnen und Studenten gebe er Grundlagen der Energielehre weiter, wenn sie dafür offen seien: Philippe hat eine Professur am Institut für Klassik und Kirchenmusik der Hochschule Luzern inne, die er aber in einem Jahr abgeben möchte. Er wünscht sich mehr Fokus und Ruhe für seine Orchester und Energiearbeit. Schliesslich pendelt er neben seinem Vollzeitpensum als Solotrompeter per Zug zwischen Zürich und Basel, wo sein Roller steht, der ihn nach Saint-Louis fährt: Dort lebt er mit seiner Frau, die er 1995 geheiratet hat – er hat sie im städtischen Orchester kennengelernt, wo sie Klarinette spielte. Die Beiden haben eine erwachsene Tochter, die inzwischen nur noch besuchshalber vorbeikommt: Ihr Studium führte sie nach Südfrankreich, ihre Arbeit nach Paris, sie ist 3D-Grafikerin für Videospiele.

König von Saint-Louis

Saint-Louis ist Philippes Lebensmittelpunkt, er möchte sich keinen anderen vorstellen. Das Pendeln gehörte früh zu seinem Leben, fast so früh wie die Musik. Er war vier, als sein Vater ihn mit in die Proben des Fanfarenzugs der Feuerwehr nahm, die er dirigierte. Philippe bekam ein Signalhorn in die Hand und spielte. Das sprach sich rasch herum: Radio France Alsace kam und wollte sich vom kleinen Regionalwunder überzeugen. «Ich habe ein paar Militärsignale reingetutet, aber am coolsten fand ich eigentlich die Uniformen.» Ohne diese hätte er vielleicht gar nicht zur Musik gefunden, sagt er und lacht sein herzliches Lachen. Mit sechs jedenfalls spielte er Flügelhorn im Stadtorchester, wechselte schliesslich zur Trompete mit wusste mit zwölf, dass dies sein Beruf würde. «In Saint-Louis war ich König.»

Dann kam Paris. Da war Philippe kein König, keinen Hauch einer Chance habe er gehabt, als er mit 15 am dortigen Konservatorium vorspielte. Aufgeben kam aber nicht in Frage, am Conservatoire Nationale supérieur de Musique de Paris lehrte schliesslich Pierre Thibaud, bei dem er unbedingt studieren wollte. Thibaud hörte ihm zu, ermutigte ihn, die Matura abzulegen und gab ihm fortan Privatunterricht in seinem Keller. Und so nahm der 15-Jährige während vier Jahren jeden Dienstagabend den Nachtzug nach Paris, spielte vier Stunden und fuhr sieben Stunden im Zug zurück. Die Schule durfte er mittwochs ausfallen lassen. Thibaud behielt recht: Nach Abschluss des Gymnasiums wurde Philippe am Konservatorium aufgenommen, wo er weitere vier Jahre bei seinem «strengen Lehrer mit goldenem Herzen» studierte.

Wäre Philippe nicht besessen von seinem Instrument gewesen, hätte er sein verhasstes Paris, über das er lange und herzhalft schimpfen kann, nun mit Sicherheit verlassen: Immer wieder bewarb er sich auf Orchesterstellen in verschiedenen Städten. Entweder, es reichte nicht, weil ihm die Orchestererfahrung fehlte, oder man glaubte ihm nicht, dass er lange die zweite Trompete spielen und nicht bald wieder kündigen würde. Und so kam es, dass seine allererste Stelle jene des Solotrompeters am Orchestre National de France war. Wieder pendelte er – eine Woche Paris, eine Woche Saint-Louis bei seiner Frau. In Paris wäre er wohl bis heute geblieben, wäre die Sehnsucht nach seinem Daheim seit der Geburt seiner Tochter nicht Jahr für Jahr unerträglicher geworden. Als er 2005 von der freien Stelle in Zürich erfuhr, reiste er hin, spielte und spielt bis heute. Er schätzt das Persönliche im Orchester, das ihm gefehlt habe. Die Unverbindlichkeit pflegt er lieber in den sozialen Medien als im realen Leben, auf Facebook steht er mit der maximal möglichen Zahl von 5000 Menschen in Kontakt, sehr viele davon Kolleginnen und Kollegen seines Fachs, mit denen er sich austauscht. Auf der Bühne aber will er mehr, Intimität im Klang brauche nicht nur Professionalität, sondern im besten Fall Zuwendung: «Im Tonhalle-Orchester Zürich bist du keine Nummer wie in Paris, hier gibt es Freundschaften, Zusammenhalt, Respekt.» Zum Bespiel vor seinem Register: «Allesamt Champagnertrompeter, ursprünglich der französischen Schule«, sagt Philippe. Die französische Schule mache der brillante, elegante Klang erkennbar, auch wenn jeder seiner drei Kollegen unterschiedliche Qualitäten und Nuancen mitbringe. Die Alchemie stimme ganz einfach. Halt eben: «Super.»

Melanie Kollbrunner

veröffentlicht: 13.08.2020