Grosses Gepäck gefüllt mit Sinn

Woche für Woche erleben Sie unsere Musikerinnen und Musiker im Konzert, haben mit ihnen nach dem Konzert oder an einem Tag der offenen Tür ein paar Worte gewechselt – small talk eben. Doch wer sind die Menschen hinter dem Orchestermitglied? Was bewegt sie, weshalb sind sie ausgerechnet Musikerin geworden und nicht Arzt oder Lehrerin? Wie lebt es sich in der Gemeinschaft Orchester?

Ute Grewel spielt seit 30 Jahren Kontrabass im Tonhalle-Orchester Zürich. Lesen Sie im Porträt der Woche, warum sie sich für das unhandliche Instrument entschieden hat, obwohl ihr 110-jähriger Flügel sie treu begleitet und wie Borkenkäfer ihre Zeit im Lockdown bereichert haben.

Grosses Gepäck gefüllt mit Sinn

Ute Grewel ist die Frau am Kontrabass im Tonhalle-Orchester Zürich. Seit dreissig Jahren schon. Wären die Reisen des Schulorchesters weniger legendär gewesen, hätte sie sich vielleicht nicht in den Coolen mit dem tiefen Klang verliebt.

«Mensch, ist das schön hier», dachte Ute Grewel, als sie sich auf eine Parkbank am See setzte, um sich früh morgens an der Septembersonne zu wärmen und von einer langen Zugfahrt aus Berlin zu erholen. «Hier will ich bleiben, es muss klappen», hat sie zu sich gesagt. Ute kam mit ihrem Kontrabass, um für eine Anstellung beim Tonhalle-Orchester Zürich vorzuspielen. Es klappte auf Anhieb. Und sie ist geblieben – der Septembermorgen am See liegt nun dreissig Jahre zurück, und Ute ist inzwischen Schweizer Bürgerin. Bleiben will sie noch immer: In ihrer Wohnung in Birmensdorf und auch im Orchester.

Geerdet und gross

Seither hat es kaum einen Konzertabend gegeben, auf den sie sich nicht gefreut hätte. Diese Spannung, bevor es losgeht, die Stille, in die Orchester und Publikum gemeinsam hineinhorchen und so eine Gegenwart herstellen, an der alle miteinander teilhaben. Ute liebt ihren Platz zwischen den Kontrabässen, steht da, geerdet und gross als einzige Frau im Register. Sich zurückzunehmen, um sich dann im nächsten Augenblick voll einzugeben, das sei ein Kunststück im Orchestergefüge. Gelinge es, sei dies ein grosses Glücksgefühl.

«Ich nehme manchmal mehr wahr um mich herum, als ich verarbeiten kann», sagt Ute. Das sei immer so gewesen, schon als Kind. Sensibel seien sie alle im Orchester, kein Zufall. Ist Ute hochsensibel? «Vielleicht.» Aber was heisse das schon. Dass sie Menschen und ihre Gefühle wie ihre eigenen intensiv wahrnehme, ja. Und dass sie nah am Wasser gebaut sei, auch mal auf der Bühne.

Ute spricht nicht gerne über derlei Konzepte, lieber erzählt sie von Erlebnissen mit Menschen wie dem Freund, mit dem sie im Corona-Lockdown jeden Tag im Wald spazieren war. Die Beiden haben eine Lichtung entdeckt, bei der gefällte Baumstämme lagen. Sie nahmen Papier und Kreide mit, um die Struktur von Borkenkäfern unter der Rinde einzufangen, die sie an eine mysteriöse Geheimschrift erinnerten. Von Experimenten in unterschiedlichen Techniken, die über die Jahre entstanden sind, zeugt die Wand ihres Musikzimmers, an der sie einige Arbeiten aufgehängt hat. Hierher kommen manchmal Nachbarskinder, um bei ihr Unterricht zu erhalten. Utes Art, Danke zu sagen für die Geduld mit manch einer Übungsstunde.

110-jähriger Verbündeter

Oder sie erzählt von ihrer Mutter, mit der sie während der abgeschiedenen Monate auf langen Spaziergängen mit Kopfhörern im Ohr telefoniert hatte, bis sie plötzlich und völlig unvermittelt verstarb. Ute fuhr nach Velbert zwischen Essen und Düsseldorf, um für immer Abschied zu nehmen, in die Wohnung ihrer Kindheit, in der ihr Vater noch heute lebt. Hier ist Ute mit ihren beiden älteren Geschwistern aufgewachsen. Manchmal denkt sie heute daran zurück, wie ihr Vater am Klavier Brahms übte, während sie einschlief.

Auch sie begann als kleines Mädchen am Klavier, sie musste aber warten, bis sie zehn Jahre alt war, als der Vater ihr und ihrem Bruder gemeinsamen Unterricht erlaubte, weil er nicht überzogen ehrgeizig sein wollte in der musikalischen Erziehung seiner Kinder. Er selbst war Musiklehrer am Gymnasium und leitete einen Kirchenchor, mit dem die Familie viele Wochenenden verbrachte.

Das Klavier begleitet Ute bis heute: Sie hat einen Bechstein-Flügel bei sich stehen, der 110 Jahre alt ist und von vielen talentierten Hände gespielt wurde. Utes Ururgrossmutter väterlicherseits hat das Instrument für ihren Sohn gekauft, der es wiederum seiner Tochter vermachte: Utes Grossmutter, sie hätte Konzertpianistin werden können, wäre sie nicht händchenhaltend mit einem Pfarrer erwischt worden, weshalb sie ihn heiraten musste und so fortan die Musikanten in der Kirche begleitete. Der Flügel wurde aus dem zerbombten Düsseldorfer Haus der Grosseltern gerettet, das in Flammen stand. Er lagerte jahrelang in einer Scheune, ein Riss zeugte von dieser Zeit, bis Ute den Flügel hat restaurieren lassen.

Der Coole mit dem tiefen Klang

Zum Kontrabass kam sie erst mit 15 und über den Umstand, dass die jährlichen Reisen des Schulorchesters legendär waren, Ute wollte mitfahren. Ihr Vater brachte einen Bass aus dem Gymnasium heim und eine Schule dazu, die sie selbständig durcharbeitete, rasch fasziniert von diesem «coolen Ding mit tiefem Klang», dem sie habe schöne Melodien entlocken wollen. Zudem hatte das Unterwegssein mit dem Kontrabass den Vorteil, dass sie immer wieder angesprochen wurde, Menschen kennenlernte, mit denen sie muszieren konnte, Jugendorchester, eine Rockabilly-Band, Kammermusik-Formationen. Glücklicherweise tat ihre Entscheidung, ein Austauschjahr in Nashville, Tennessee zu verbringen, dem musikalisch guten Lauf keinen Abbruch, im Gegenteil: Utes Gasteltern bezahlten Musikunterricht in Kontrabass und Klavier.

Zurück in Velbert spielte sie zwar weiterhin auch Klavier, ging aber aus Freude am Orchesterspiel mit dem Kontrabass ans Konservatorium in Essen und bald darauf nach Berlin, wo sie nach dem Studium mit 26 ein Praktikum an der Deutschen Oper absolvieren konnte. Diesem Praktikum folgte die Zugfahrt nach Zürich, eben an jenem Septembermorgen vor 30 Jahren. Ute sagt, sie würde sich noch heute für den Kontrabass entscheiden.

Das Orchesterleben hat inzwischen wieder an Fahrt aufgenommen, wobei Ute auch der Stille viel abgewinnen konnte. Die Ruhe, die Vertiefung haben ihr gutgetan. Die Zeit für ihre 19-jährige Tochter im Maturajahr, für den 21-jährigen Sohn, der eine Grafikerlehre absolviert, beide wohnen bei ihr. Die tägliche Stunde Yoga, die Musse, künstlerisch produktiv zu sein. Das konzentrierte Üben und der kritische Blick auf die eigene Technik haben sie an die Zeit des Studiums erinnert, ihre Beziehung zum Instrument neu überdenken lassen. Zwar gehe es heute rascher mit den empfindlichen Stellen, auch im Orchester. Geblieben ist die Spielfreude, sie hat Ute nie verlassen, die Lust, einem Stück im Orchester gemeinsam auf die Spur zu kommen. Und so ist sie dankbar, dass wieder Konzerte stattfinden können, sie selbst wird bei Sergei Prokofjews Peter und der Wolf das nächste Mal auf der Bühne stehen. Darauf freut sie sich, auf die geteilte Konzentration in Echtzeit, auf das Publikum. Auf die Musik: «Musik schafft es, Menschen direkt ins Herz zu treffen, ohne Worte, unmittelbar.» Sie mache Verständigung und überhaupt das ganze Leben leichter und gebe ihm Sinn.

Melanie Kollbrunner

veröffentlicht: 30.08.2020