Mit dem Cello auf der Rutschbahn
Das vision string quartet will kreieren und experimentieren – aber keinen Beethoven-Gesamtzyklus spielen. Von musikalischer Nachhaltigkeit und Grenzerfahrungen auf der Bühne.
Hawaii-Shirts, bunte Strandtücher und sommerliche Rhythmen – in diesem Look kommt das Musikvideo des vision string quartet zum Stück «Samba» daher. Der Clip verzeichnet auf YouTube rund 75’000 Aufrufe: Vier Musiker liegen entspannt am Strand und zupfen an ihren Instrumenten, als ob es Ukulelen wären. Danach marschieren sie zum Poolbereich und der Cellist nimmt die Rutschbahn – natürlich samt seinem Cello. Dem wachsamen Bademeister sind die Quartett-Lausbuben langsam ein Dorn im Auge. Diese Szenen, kombiniert mit den locker-lässigen Samba-Melodien, erzeugen einen urkomischen Effekt. Man kann sich dieses Musikvideo nicht ansehen, ohne zumindest einmal geschmunzelt zu haben.
«Keinen Bock» auf Beethoven
Das vision string quartet, bestehend aus den Geigern Florian Willeitner und Daniel Stoll, dem Bratschisten Sander Stuart sowie dem Cellisten Leonard Disselhorst, produziert die Musikvideos selbst – genauer gesagt hat sich das der Bratschist zu seiner Aufgabe gemacht. Ihr Hit «Samba» ist auf ihrem Album «Spectrum» zu hören, das 2021 bei Warner Classics erschienen ist. Auf diesem Album findet man «mitreissende, fast tanzbare Musik – man könnte es auch instrumentale Popmusik nennen», sagt Florian Willeitner im Online-Gespräch. Alle Stücke hat das Quartett selbst komponiert. Viele ihrer Werke entstehen während Jamsessions, aber auch über die gemeinsame Weiterentwicklung von Ideen, welche die Musiker vorab individuell hatten. So entdeckt man auf dem Album «Spectrum» neben Motiven der nordischen Folkmusik auch groovige Swing-Elemente. Deswegen seien diese Stücke aber in keiner Weise leichter zu spielen als traditionelle Kompositionen aus der Welt der Kammermusik, sagt der Geiger.
Das vision string quartet erforscht regelmässig neue Spieltechniken. Wie realisiert man groovige Musik in einem Streichquartett? Das sei gar nicht so einfach umzusetzen und manchmal könne es sehr virtuos zugehen, erklärt Florian Willeitner. Wenn man versucht, ihren Stil zu definieren, ist es vielleicht besser zu fragen, was das vision string quartet denn nicht ist. Der Geiger hat darauf sofort eine Antwort: «Es ist kein Beethoven-Gesamtzyklus. Obwohl wir Beethoven lieben, haben wir da keinen Bock drauf.»
Die Musik des vision string quartet kommt gut an: Das 2020 veröffentlichte Debütalbum «Memento» wurde mit dem Opus Klassik für die beste Kammermusikeinspielung geehrt, und beim Concours de Genève haben die Künstler den ersten Preis sowie alle Sonderpreise abgeräumt. Trotzdem geschieht es ab und zu noch, so Willeitner, dass sie von einem Veranstalter angefragt werden, die gesamten Streichquartette von Brahms zu spielen. Das passt aber nicht in ihr Konzept, weshalb solche Bitten schnell abgelehnt werden.
Smart investieren
Das Kreieren wieder stärker betonen, statt «nur» zu interpretieren – das sei die Vision, die dem vision string quartet vorschwebt, beschreibt Florian Willeitner. Insgesamt möchten sie «im besten Sinne traditionell» bleiben. So spielen sie hin und wieder auch etablierte Kammermusikwerke, die zu ihren eigenen Kompositionen passen. Ihre Musik soll ein möglichst grosses Publikum ansprechen; das sei nachhaltiger, als sich rein auf die überlieferte Klassik zu fokussieren.
Neben der musikalischen spielt hier auch eine unternehmerische Nachhaltigkeit mit: Alle vier Musiker sind hauptberuflich für das vision string quartet tätig, und Erfolg erfordert Strategie. Man könnte es mit dem Anlegen von Geld vergleichen – es in eine einzige Aktie zu investieren, ist nicht schlau, idealerweise legt man breit an. Das Quartett geht auf musikalischer Ebene ähnlich vor: Diversifikation im Repertoire sozusagen. Daher existiert für die nächsten Jahre ein grober Fahrplan, wo es musikalisch hingehen soll.
Nichtsdestotrotz ergibt sich aber vieles spontan, gerade wenn es um die Zusammenarbeit mit anderen Musiker*innen geht. So sind für das neue Album Kollaborationen mit einem iranischen Gitarristen, einem schwedischen Jazzpianisten oder einem Perkussionisten, der sich zehn Jahre lang mit indischen Klangwelten auseinandergesetzt hat, geplant. Mit Letzterem hat das vision string quartet für Bartóks Streichquartett Nr. 4 eine komplett neue Schlagwerk-Stimme entwickelt.
Bei wem solche neuartigen musikalischen Begegnungen ankommen, ist nicht nur eine Frage der Generation. Da spiele die Vorbildung ebenso eine Rolle, vermutet Willeitner. Jemand, der sich wenig oder gar nicht mit klassischer Musik auskennt, sei tendenziell offener für neue Formen, andere seien vielleicht angenehm überrascht, wie gut solche Musik funktionieren kann. Zentrale Impulsgeber für die vier Visionäre waren das Artemis Quartett und Steven Walter – Cellist und Kulturunternehmer – mit seinem Podium Festival in Esslingen. Dort riecht die Luft nach musikalischem Start-up: Jährlich treffen Künstler*innen aus ganz verschiedenen Musikkulturen aufeinander und wollen das Klassik-Business aufmischen.
Keine Trennwände durch Notenständer
Es verwundert nicht, dass sich das Ensemble mit seinem ganz individuellen Klang nicht mehr rein als Quartett definieren möchte. Tatsächlich verstehen sich die vier Musiker auch als Band. Auf der Bühne heisst das: Sie arbeiten mit Verstärker und haben jeweils einen eigenen Tontechniker mit auf Tour. Der Effekt sei, dass «der ganze Sound so fetter wird – mit mehr Bums», erklärt Willeitner. Ausserdem arbeiten sie auch gezielt mit Lichtstimmung: Etwas, das sonst eher im populären als im klassischen Kontext Anwendung findet.
2024 war die Quartett-Band im Vereinigten Königreich auf Clubtour. Das bedeutete kein brav auf den Konzertstühlen sitzendes Publikum, sondern tobende, stehende Menschen; manchmal lag auch ein Rave drin. In so einer Stimmung wären Notenständer völlig fehl am Platz. Sie könnten wie Trennwände zwischen den vier Musikern wirken, aber ebenso zwischen ihnen und dem Publikum, erläutert Florian Willeitner. Deshalb spielt das vision string quartet fast alle seine Stücke auswendig. Das gibt ihnen auf der Bühne mehr Freiheit und erzeugt eine ganz andere Dynamik. Jedoch hätten sie durchaus schon Grenzerfahrungen gemacht, als das Auswendigspielen einfach nicht möglich war – beispielsweise auf einer langen Reise oder bei besonders grossem Repertoire.
Nun steht in Zürich das Streichquartett op. 27 von Edvard Grieg kombiniert mit Stücken aus «Spectrum 2» auf dem Programm. Willeitner kommentiert dazu: «Mit Grieg bekommt man auch eine konservativere Zuhörerschaft in den Saal, und diese lässt sich manchmal davon zum zweiten Konzertteil anstecken.» Das vision string quartet mag Komponist*innen, deren Werke ein starkes Lokalkolorit haben. Dies sei bei Grieg der Fall. Seine folkloristischen Elemente passen gut zu ihren eigenen Stücken – darunter etwa zum bereits erwähnten Hit «Samba». Und wer weiss, vielleicht gibt es auch in der Kleinen Tonhalle einen kurzen Rave?
