Rodolphe Schacher (Foto: Boris Beaude)
Komponist Rodolphe Schacher

«Ich muss mir Platz schaffen für die Musik»

Rodolphe Schacher komponiert mit dem Stück «Der Froschkönig» ein drittes Werk für Kinder und das Tonhalle-Orchester Zürich. Hier erzählt er, warum er in solchen Arbeitsphasen oft Joggen geht.

Interview: Katharine Jackson

Menschen, die ein Thema, eine Sportart oder ein Berufsfeld mit grosser Leidenschaft verfolgen, hatten oft ein prägendes Erlebnis. Gab es für Sie als Komponisten so eine Initialzündung?

Meine Mutter hat immer Klavier gespielt und mit vier Jahren begann auch ich damit. Bei uns zuhause haben alle musiziert. Das Komponieren kam aber erst viel später dazu, da war ich 20 oder 25 Jahre alt. Einschneidend war für mich ein Besuch von Disneyland bei Paris. Ich verfolgte eine Show für Kinder, und die Musik, die ich da hörte, war ziemlich gut komponiert. Ich fand das genial, wie berührt die Menschen davon sein konnten. Und ich dachte mir, ohne zu wissen, wie: Das will ich auch! Das muss ich machen!

Kinder im Publikum scheinen Sie noch immer zu faszinieren. Kann man sagen, dass Sie auf das Komponieren für Kinder spezialisiert sind?

Ich glaube, man kann das so sagen, auch wenn es vor 20 Jahren nicht mein Ziel war. Seit ich Musik für Kinder verfassen darf, habe ich so viele schöne Momente erlebt. Ich möchte nicht mehr nicht für Kinder schreiben. Es ist das Schönste, was ich komponieren darf.

Gibt es dafür einen Markt?

Viele Orchester beschäftigen sich immer wieder mit der Frage, wie das Publikum in 20 Jahren sein wird. Man muss die nächste Generation abholen. Vom Komponieren allein kann ich aber nicht leben. Ich unterrichte an der Haute école de musique de Genève.

Haben Sie selbst Kinder?

Ja, doch sie sind nun mit 22, 19 und 16 Jahren bereits gross und gehen schon lange nicht mehr in Kinderkonzerte. Aber früher waren sie immer dabei, weil es ihnen gefiel. Als mein ältester Sohn noch klein war, komponierte ich den «Rose von Jericho»-Zyklus für das Tonhalle-Orchester Zürich. Ich fragte ihn damals, ob er eine Idee für das Thema «Sturm» hätte. Er sang mir etwas vor, es kam direkt aus ihm heraus und passte. Wenn ich zurückblicke, dann finde ich, dass ich meine Kinder öfter um Vorschläge hätte bitten sollen.

Finden Sie nun in einem anderen Kontext Inspiration? Wie dürfen wir Sie uns beim Komponieren vorstellen?

Ich komponiere gerne und am liebsten an einem echten Klavier, ganz klassisch mit Bleistift und Papier. Vor allem mache ich das mit den Skizzen, bevor ich daraufhin zum Computer wechsle. Gute Ideen kommen mir beim Joggen. Dieser Sport hilft mir sehr, um eine klare Vorstellung zu gewinnen. Und dann ist es wichtig, dass ich die Ideen schnell ausprobiere. Ich komponiere überall, wo ich die Zeit nutzen kann. Auch heute noch rede ich mit meinen Kindern über das, woran ich arbeite. Besonders klärend ist für mich, wenn ich mich mit ihnen über die Geschichten und ihre Dramaturgien austausche, die meinen Kompositionen zugrunde liegen.

Die Tonhalle-Gesellschaft Zürich und Sie verbindet eine längere Zusammenarbeit. Sie haben für uns von 2008 bis 2009 den Zyklus «Die vier Elemente» und die bereits erwähnte Musik für «Die Rose von Jericho» komponiert – dann die Kammermusik für unsere Reihe «Kunterwunderbunt».

Als ich im November 2023 von Ihrer Kollegin Yvonne Gisler aus der Musikvermittlung die Anfrage für «Kunterwunderbunt » erhielt, war das für mich wahrscheinlich der schönste Moment des Jahres. Und gleichzeitig kamen sofort Spannung und Stress in mir auf. Kann ich das? Wird es allen gefallen? Aber das gehört bei einem kreativen Prozess dazu. Es muss gut sein. Nicht nur die Kinder, auch die Musikerinnen und Musiker müssen im besten Fall zufrieden sein. Mir ist es offensichtlich irgendwie gelungen.

Der Kammermusikreihe «Kunterwunderbunt» liegt keine bekannte Geschichte zugrunde und das Publikum hat nur eine vage Vorstellung davon, was es erwartet. Beim bekannten Grimm-Märchen «Der Froschkönig», das Sie nun für uns vertonen, ist das anders. Machen diese unterschiedlichen Erwartungshaltungen des Publikums für das Komponieren einen Unterschied?

Nein. Wenn die Geschichte, die Dramaturgie und die Stimmung bei der Aufführung passen, vergisst man die Erwartungen. Vergleiche ich die beiden Projekte der letzten Jahre, dann gibt es den Unterschied, dass beim Werk «Der Froschkönig» der Text viel genauer vorgegeben ist und ich dadurch weniger Spielraum habe. Ich erkundigte mich beim Autorenduo Nelly Danker und Jeroen Engelsman viel öfter, wie eine Atmosphäre sein soll, wenn zum Beispiel der Frosch traurig ist, weil die Prinzessin ihn nicht küssen will. Wie intensiv soll seine Trauer sein? Jeroen Engelsman ist auch der Hauptdarsteller und ermutigte mich, mir trotz des konkreten Texts alle Freiheiten zu nehmen. Das ist nun meine Herausforderung, mir Platz zu schaffen für die Musik.

Ihre neue Komposition rund um das Märchen «Der Froschkönig» wird unsere Assistant Conductor Julia Kurzydlak leiten. Denken Sie, dass Sie vorab miteinander in Kontakt sein werden?

Es ist immer gut, wenn man im Vorfeld einiges klären kann. Aber es stört mich überhaupt nicht, wenn wir uns erst bei den Orchesterproben austauschen. Jetzt, während des Kompositionsprozesses, ist es noch zu früh. Ich muss noch viel arbeiten und einfach vorankommen.

Januar 2026
So 11. Jan
11.15 Uhr

Familienkonzert: Der Froschkönig

Tonhalle-Orchester Zürich, Julia Kurzydlak Leitung, Jeroen Engelsman Konzept und Schauspiel, Nelly Danker Konzept und Regie, Maude Hélène Vuilleumier Ausstattung Der Froschkönig
So 11. Jan
14.15 Uhr

Familienkonzert: Der Froschkönig

Tonhalle-Orchester Zürich, Julia Kurzydlak Leitung, Jeroen Engelsman Konzept und Schauspiel, Nelly Danker Konzept und Regie, Maude Hélène Vuilleumier Ausstattung Der Froschkönig
veröffentlicht: 22.12.2025

Tags