Paul Hindemith

Er war ein Universalmusiker – und Professor in Zürich

Trotz seines witzigen Titels ist Paul Hindemiths Bratschenkonzert «Der Schwanendreher» kein lustiges Werk. Dahinter verbirgt sich ein besonderes Kapitel seiner Biografie – und ein Stück Schweizer Musikgeschichte.

«Hindemith, her damit, weg damit!» So lautete eine Parole gegen den Komponisten. Sie wird auch heute noch von Skeptiker* innen seiner Musik – in der Regel mit einem frechen Schmunzeln im Gesicht – zitiert. Dabei zählt Paul Hindemith zu jenen bedeutenden Persönlichkeiten in der deutschen Geschichte, die man ohne zu zögern als Universalmusiker bezeichnen kann. Er war nicht nur ein visionärer Komponist, sondern auch Pädagoge, Theoretiker, Konzertveranstalter, Schriftsteller, Dirigent und ein begnadeter Instrumentalist: Hindemith gilt als einer der populärsten Bratschisten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zudem soll er alle Instrumente, für die er Werke geschrieben hat, selbst gespielt haben. Aufgrund seines vielseitigen Talents wurde er in der zeitgenössischen Presse «Leonardo da Vinci der Musik» genannt.

Seine Begabung konnte ihn jedoch nicht vor den Entwicklungen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 schützen, die sich rasch negativ auf sein Schaffen auswirkten. Die Lage eskalierte nach einer Aufführung seiner Sinfonie «Mathis der Maler» unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler im international für Aufsehen erregenden «Fall Hindemith», einem Artikel, in dem sich der Dirigent für die Musik des verfemten Komponisten starkmachte. Am 6. Dezember 1934 bezeichnete Joseph Goebbels Hindemith dann in einer Rede vor der Reichskulturkammer als «atonalen Geräuschemacher». Zwei Jahre später wurde der eingangs zitierte Satz Realität und das Aufführen seiner Werke in Deutschland verboten. 1938 emigrierte er mit seiner Frau Gertrud nach Bluche im Wallis, 1940 wanderte er in die USA aus.

Bis dahin begab sich Hindemith in einen Zustand der inneren Emigration. Zudem reiste er mehrmals in die Türkei und kam damit einem von Furtwängler vermittelten Angebot der türkischen Regierung nach, beim Aufbau eines Musiklebens nach mitteleuropäischen Massstäben zu helfen. Genau in diese Zeit fällt die Entstehung seines «Schwanendrehers» für Viola und kleines Orchester, mit dem er konzertierend im Ausland auftrat – ausschliesslich, denn in Deutschland hat er den Solopart nie gespielt. Er dirigierte das Stück lediglich einmal dort, und zwar 1962, als er die Bratsche schon längst an den Nagel gehängt hatte. Vor dem eben geschilderten Hintergrund stellt sich die Frage:

Was ist ein «Schwanendreher»?

Hindemith verfügte über viel Humor und Selbstironie, die sich nicht nur in seinen Kompositionen, sondern auch in seinen zahlreichen Zeichnungen äusserten. Er hat nämlich sein Leben lang zu jeder sich bietenden Gelegenheit gemalt. So hinterliess er uns Karikaturen vom «Schwanendreher». Am 14. November 1935 skizzierte er die «einzig authentische Erklärung dieser ausgefallenen Bezeichnung», wie es in seiner Bildlegende heisst. Darauf ist eine Art Leierkastenspieler zu sehen, der statt des Instruments den edlen Vogel dreht.

Die Zeichnung sieht auf den ersten Blick lustig aus. Hindemith hat offensichtlich seinen Sinn für Humor nicht verloren, obwohl das Werk in direktem Zusammenhang mit seiner leidvollen Situation in Deutschland stand. Im Vorwort der Partitur zu seiner Komposition erläuterte er: «Ein Spielmann kommt in frohe Gesellschaft und breitet aus, was er aus der Ferne mitgebracht hat: ernste und heitere Lieder, zum Schluss ein Tanzstück. Nach Einfall und Vermögen erweitert und verziert er als rechter Musikant die Weisen, präludiert und phantasiert.»

Bei eingehender Betrachtung wird die autobiografische Komponente des Werks noch deutlicher. Wie der vollständige Titel des Werks verrät, handelt es sich bei Hindemiths «Schwanendreher» um ein «Konzert nach alten Volksliedern» (entnommen aus dem Altdeutschen Liederbuch «Volkslieder der Deutschen nach Wort und Weise aus dem 12. bis 17. Jahrhundert» von Franz Magnus Böhme). Die namensgebenden Vorlagen des ersten und zweiten Satzes – «Zwischen Berg und tiefem Tal» und «Nun laube, Lindlein, laube!» – erzählen von Abschied, Schmerz und Trennung. «Der Gutzgauch [also der Kuckuck, der] auf dem Zaune saß», welcher in der zweiten Hälfte des Mittelsatzes zitiert wird, kann als der Gebrandmarkte, Ausgestossene und Verhöhnte verstanden werden. Der Schlusssatz trägt die Frage «Seid ihr nicht der Schwanendreher?». Da Hindemith das Werk geschrieben hat, um es selbst zur Aufführung bringen zu können, wäre die richtige Antwort: «Ja.» Denn er war der heimatlose Spielmann, der durch die NS-Politik gezwungen war, seine Musik im Ausland darzubieten.

Es gibt jedoch noch andere Auslegungen des Begriffs. Eine wäre, dass es sich bei einem «Dreher» um einen «Drechsler» für langhalsige Gegenstände handelt. Auch diese Lesart war Hindemith wohl bekannt. Nach einem Auftritt beim Musikkollegium Winterthur malte er am 27. Januar 1937 nämlich eine andere humorvolle Karikatur des «Schwanendrehers» in das sogenannte «Rychenberger Gastbuch» seines Freundes und Förderers Werner Reinhart. Zu sehen ist ein Mann, der Schwäne in einer Art Drehbank bearbeitet. Hindemith unterschrieb die Zeichnung voller Selbstironie mit den Worten: «Der Schwanendreher, nachdem er hier sein Unwesen getrieben, dankt herzlich für die dabei ihm zuteil gewordene Unterstützung. Paul Hindemith. 27.1.37.»

Zürich und Blonay

Paul Hindemith hat seinen «Schwanendreher » nie mit dem Tonhalle-Orchester Zürich gespielt. Einmal war er jedoch als Bratschist zu Gast: Am 28. und 29. Januar 1929 interpretierte er unter der Leitung von Willem de Boer seine Kammermusik Nr. 5 op. 36/4. Erst 21 Jahre später – nach seiner Emigration in die USA und seiner Rückkehr nach Europa – stand er wieder vor dem Orchester, nun als Dirigent.

1956 und 1959 wurde er erneut eingeladen. Zu dieser Zeit war Hindemith auf besondere Art und Weise mit der Stadt Zürich verbunden: Auch wenn er keinen wissenschaftlichen Studienabschluss, ja nicht einmal Abitur besass, war er von 1951 bis 1958 Professor am Musikwissenschaftlichen Institut – und damit der erste Ordinarius für das Fach in der Geschichte der Universität Zürich überhaupt. Bis 1953 lehrte er parallel dazu noch an der Yale University. Stellenanfragen aus Deutschland lehnte er kategorisch ab.

Doch das Leben auf zwei Kontinenten, die vielen Konzertreisen und Verpflichtungen waren anstrengend. Das Ehepaar Hindemith suchte deshalb einen Rückzugsort, an dem es ungestört sein und sich von den Strapazen des stressigen Alltags erholen konnte. Dieser wurde gefunden: Im Sommer 1953 bezog das Paar die idyllisch gelegene Villa «La Chance» in Blonay am Genfersee, in der es über zehn Jahre bis zum Tod Hindemiths lebte. In ihrem Testament bestimmte die Witwe Gertrud, dass das Erbe «zu einer Hindemith-Stiftung umgewandelt werden» solle. Was auch geschah.

Seither setzt sich die Fondation Hindemith für die Bewahrung und Verbreitung der Werke des oft verkannten Komponisten ein. An vorderster Front dabei ist die Bratschistin Tabea Zimmermann als Präsidentin des Stiftungsrats. Sie hat sich Hindemith schon lange verschrieben: 2006 gewann sie den Hindemith-Preis der Stadt Hanau, 2013 wurde sie Mitglied des Stiftungsrats der Fondation Hindemith und nahm noch im selben Jahr sein Gesamtwerk für Viola auf. Immer wieder stellt sie ihn bei ihren Projekten in den Fokus und bringt seine Kompositionen, die für viele eher eine Liebe auf den zweiten Blick darstellen, näher. So etwa in den im Centre de Musique stattfindenden Masterclasses in Blonay.

Tabea Zimmermann ist also zweifellos die ideale Solistin für Hindemiths «Schwanendreher », der zu ihren Lieblingskonzerten zählt. Ihre Interpretationen schaffen es, auch den grössten Hindemith-Kritiker zu bekehren, sodass es nach ihren Darbietungen mit dem Tonhalle-Orchester Zürich im Februar 2026 vielleicht nur noch heissen wird: «Hindemith, her damit!»

Paul-Hindemith-Archiv

Seit Oktober 2021 ist ein Grossteil des Nachlasses aus Hindemiths Villa «La Chance» im Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich an der Florhofgasse 11 untergebracht. Dazu zählen unter anderem die 4700 Bücher aus seiner Privatbibliothek, davon etwa 1330 Notenausgaben und Taschenpartituren, aber auch Bilder, Fotografien, Möbel, sein Grotrian-Steinweg-Flügel, Bastelarbeiten und ein Werkzeugkasten. Die Nutzung der Bestände des Archivs ist eingeschränkt möglich nach Voranmeldung unter: hindemith@mwi.uzh.ch.

Februar 2026
Do 05. Feb
19.30 Uhr

Marek Janowski & Tabea Zimmermann

Tonhalle-Orchester Zürich, Marek Janowski Leitung, Tabea Zimmermann Viola Hindemith, Brahms
Fr 06. Feb
19.30 Uhr

Marek Janowski & Tabea Zimmermann

Tonhalle-Orchester Zürich, Marek Janowski Leitung, Tabea Zimmermann Viola Hindemith, Brahms
veröffentlicht: 27.01.2026

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