Arthur Honegger auf der Spur
Im März steht er mit seiner 2. Sinfonie bei uns im Fokus: der Schweizer Komponist Arthur Honegger. Bis 2017 zierte er die 20-Franken-Note. Viele seiner handgeschriebenen Partituren liegen als Sammlung in der Basler Paul Sacher Stiftung.
Die öffentliche Besuchszeit ist schon deutlich überschritten – trotzdem öffnet Direktor Florian Besthorn bestens gelaunt und exklusiv für uns die Pforten der Paul Sacher Stiftung. Gerade noch stand Paavo Järvi auf der Bühne und probte mit dem Tonhalle-Orchester Zürich für die anstehenden Konzerte. Doch die Gelegenheit, an diesem besonderen und geschichtsträchtigen Ort in Sachen «Honegger» auf Spurensuche zu gehen, wollte er nicht verpassen. Statt Feierabend heisst es also: ab nach Basel und eintauchen in ein bemerkenswertes Kapitel schweizerischer und internationaler Musikgeschichte.
Frühes Interesse
«Ich habe im Lesesaal ein paar Sachen aus der Sammlung vorbereitet. Später werden wir dann noch eine Tour durch das Haus machen», so Florian Besthorn. Er geleitet uns einige Treppenstufen hinauf, vorbei am imposanten Lichthof und zwei grossformatigen Gemälden des Stiftungsgründers und seiner Frau Maja Sacher-Stehlin, hinein in einen der Lesesäle. Hier warten auf einem langen Holztisch Sachers Dirigier-Partituren, Skizzen von Honegger, Fotos von beiden, Archivschachteln und Mäppchen aus dem reichen Quellenfundus. Die weissen Handschuhe liegen ebenfalls bereit – ganz wie es sich für eine Sammlung mit derart wertvollen Beständen gehört.
Im Angesicht dieser Quellen ist der Entdeckerdrang spürbar, der in Paavo Järvi schlummert. Schon länger hatte er mit dem Gedanken gespielt, den Sinfoniker Honegger in den Fokus zu stellen. Bereits während seines Studiums war er dessen Musik begegnet, später dann in seiner Zeit in Frankreich als Chefdirigent des Orchestre de Paris. Nun, als Music Director des Tonhalle-Orchesters Zürich, das eine bemerkenswerte Aufführungstradition mit Honegger verbindet, nutzt er die Gelegenheit, dessen hörenswerte Kompositionen wieder ins Bewusstsein zu rufen und durch Konzerte und Aufnahmen mit Leben zu erfüllen.
«Seine Werke sind zu gut, um nicht gehört zu werden. Er war in Paris am Puls der Zeit, das ist in seiner Tonsprache spürbar. Und er hat die Beziehungen in seine Schweizer Heimat weiterhin gepflegt. Deswegen ist die Musik auch für Zürich interessant», sagt Paavo Järvi, bevor er seinen Blick auf die Bilder von Sacher und Honegger richtet.
Auftraggeber und Freund
«Wie war die Beziehung zwischen Arthur Honegger und Paul Sacher?», erkundigt sich Paavo Järvi. Florian Besthorn antwortet mit einem Sacher-Zitat: «Honegger ist der Komponist, der mir künstlerisch und menschlich am nächsten stand.» Tatsächlich verband den schweizerischfranzösischen Komponisten und den Basler Dirigenten und Mäzen eine enge Freundschaft. Den Anfang nahm sie in der musikalischen Annäherung Sachers: 1929 dirigierte er Honeggers Oratorium «Le Roi David» mit seinem Basler Kammerorchester. Es ist das Werk, das dem Komponisten auch internationales Interesse einbrachte: 1921 im waadtländischen Mézières uraufgeführt, war es 1926 die Zürcher Aufführung der überarbeiteten Fassung beim Musikfest der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM), die ihm zum Durchbruch verhalf.
In beiden Fällen war noch ein anderer Mäzen, der Winterthurer Werner Reinhart, massgeblich involviert – ohne seine grosszügige finanzielle Unterstützung wäre weder das eine noch das andere Projekt realisiert worden. Sacher knüpfte gewissermassen an diese Erfolge an, als er 1929 «Le Roi David» auf das Programm seines Ensembles setzte und so die Basis für einen immer intensiveren Austausch mit dem Komponisten legte, den er dann 1931 in Solothurn persönlich kennenlernte.
Es folgten unzählige Ur- und Wiederaufführungen unter seiner Leitung sowie vier Kompositionsaufträge: «La danse des morts» 1938, die 2. Sinfonie 1941, die 4. Sinfonie 1946 und «Une cantate de Noël» 1953. Dass Honegger sehr viele seiner Handschriften bereits zu Lebzeiten Paul Sacher überreichte, zeigt die Vertrautheit der beiden. Nach Honeggers Tod 1955 gab seine Witwe Andrée Vaurabourg- Honegger einen Teil des Nachlasses an die Bibliothèque Nationale de France in Paris. 1995 übergaben die Kinder Jean-Claude (1926–2003) und Pascale Honegger (1932–2025) weitere Dokumente an die Paul Sacher Stiftung, sodass die Sammlung laut Florian Besthorn «den bei weitem grössten Bestand darstellt, der für die Forschung heute zugänglich ist». Frühe Studienarbeiten sind ebenso enthalten wie verschiedenste Quellen zu Arthur Honeggers Meisterwerken wie seinem Bühnenwerk «Jeanne d’Arc au bûcher» oder seinen fünf Sinfonien.
Eine besondere Quelle
Für den 15. August 1943 ist im Archiv der Tonhalle-Gesellschaft Zürich eine Aufführung mit Paul Sacher vermerkt – die einzige unter seiner Leitung mit Werken von Honegger: Im Rahmen der Zürcher Konzertwochen stand er am Pult seines Collegium Musicum und dirigierte die 2. Sinfonie (für Streichorchester und Trompete). Die Uraufführung hatte aber bereits früher stattgefunden, am 18. Mai 1942, ebenfalls in Zürich. Den eigentlichen Auftrag hatte Sacher Honegger sogar schon 1936 angetragen, doch der Komponist schloss das Werk erst 1941 ab.
Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Dokument in der Paul Sacher Stiftung, das eine offenbar verworfene Fassung des zweiten Satzes darstellt. Die zweiseitige Reinschrift geht deutlich über ein Skizzenstadium hinaus – und doch scheint sie für den Komponisten keine stimmige Lösung mehr gewesen zu sein. «Trotzdem wäre es spannend zu hören, wie sich diese Musik ins Gesamtkonzept der Sinfonie einfügt und es verändert», so Paavo Järvi.
Die autorisierte Version setzt auf Kontrast: Während die beiden ersten Sätze eine düstere Atmosphäre schaffen, bringt im Finale der Choral in Bach’scher Manier mit der Solo-Trompete Licht ins Dunkel – und dann auch noch in D-Dur, jener Tonart, die seit Beethovens Neunter untrennbar mit dem Ringen von Moll nach Dur verbunden ist: per aspera ad astra. Hoffnung leuchtet auf. Im Kontext des Zweiten Weltkriegs und der Besatzung von Paris, wo Honegger seit vielen Jahren lebte, wurde diese Dramaturgie entsprechend gesellschaftspolitisch gedeutet.
Paris und Zürich
Die französische Hauptstadt war seit 1913 der Lebensmittelpunkt von Arthur Honegger – dessen Name einem im Übrigen bis heute sowohl in eleganter französischer als auch in akzentuierter schweizerdeutscher Aussprache begegnet. Beides hat seine Berechtigung. Denn sein Vater, der ebenfalls Arthur Honegger hiess, kam aus dem Zürcher Oberland; seine Mutter Julie war eine geborene Ulrich, entstammte also einem alten Zürcher Geschlecht. Als Arthur junior 1892 in Le Havre geboren wurde, lebte der Vater bereits über 20 Jahre dort. Als Kaufmann und Kaffeeimporteur war die Nähe zum Handelshafen entscheidend – und nicht nur für ihn. Es hatte sich dort eine Schweizer Kolonie gebildet, sodass beide Wurzeln bei Honegger von Geburt an eng verschlungen waren.
1909/10 studierte er am Zürcher Konservatorium bei denkbar prominenten Künstlerpersönlichkeiten: Violine bei Willem de Boer, dem Ersten Konzertmeister des Tonhalle-Orchesters Zürich; Musiktheorie bei Lothar Kempter, dem ehemaligen Kapellmeister am Zürcher Aktientheater (Vorläufer des Zürcher Opernhauses), und Komposition bei Friedrich Hegar, damals Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich. Anschliessend setzte Honegger seine Studien in Paris fort. Und so pendelte er zwischen 1911 und 1913 wöchentlich zwischen Le Havre und Paris, bis seine Familie 1913 zurück in die Schweiz ging.
Honegger entschied sich für Paris. Nur den Militärdienst leistete er 1914/15 noch für die Schweiz. Auch seine französischen Lehrer sind alles andere als Unbekannte: André Gédalge, Charles- Marie Widor, Vincent d’Indy. Zu seinem Freundeskreis zählten schon zu dieser Zeit Darius Milhaud, Germaine Tailleferre, Georges Auric und Jacques Ibert. Auric, Tailleferre, Milhaud – dazu noch Francis Poulenc, Louis Durey und Honegger – wurden im Umfeld von Erik Satie und Jean Cocteau dank eines Zeitungsartikels ab 1920 als «Groupe des Six» bekannt.
Für den bekennenden «leidenschaftlichen Beethovenianer» waren die Konflikte um die polemisch propagierten Grundsätze zur «antigermanischen», «schlichten» und «reinen» französischen Musik vorprogrammiert. Entsprechend entzog Honegger sich der Mitwirkung am «Manifest» der Gruppe. Trotzdem profitierte er von der publikumswirksamen Inszenierung. Und auch seine Werke atmen mit ihrer Unbeschwertheit den Geist des «Groupe des Six» und der Zeit. Auffällig ist bei Honegger eine Gleichzeitigkeit verschiedener Stile: Der «Bibelkenner», wie er selbst betonte, widmet sich «Le Roi David» und «Judith», während er parallel ein irres Rollschuhballett, «Skating Rink», schreibt – und der Technik- und Eisenbahn-Freak in ihm eine Hommage an die Dampflokomotive «Pacific 231» in Musik setzt.
Zürich und Basel
Genau in diese Zeit, in die «Années folles», fällt die erste Aufführung eines Werks in Zürich: 1923 setzt Volkmar Andreae die «Pastorale d’été» auf das Programm. Nichts da «wilde Zwanziger», der andere Honegger findet Gehör. 1926 und 1927 folgt «Le Roi David». Für ein «Populäres Konzert» und das Festkonzert des Mathematiker-Kongresses darf es dann «Pacific 231» sein. Die 1930er- und 1940er- Jahre bringen in dichter Folge den Sinfoniker wie auch den Musikdramatiker Honegger nach Zürich. Und Paul Sacher ist ebenfalls bemerkenswert präsent in der Limmatstadt: Er leitet gleich mehrere Aufführungen «seiner» 2. Sinfonie. Damit verbunden gab es Einladungen auf den Schönenberg, die Villa der Sachers, hoch über Pratteln gelegen. Die 4. Sinfonie verweist mit ihrem Untertitel «Deliciae basiliensis» («Basler Freuden») sogar explizit auf Sachers Hoheitsgebiet, denn sie entstand 1946 als Auftragswerk anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Basler Kammerorchesters. «Z’Basel, an mym Rhi» findet darin ebenso Platz wie Piccolo und Basler Trommel aus der Fasnacht – und lassen dem schalkhaften Honegger Raum.
Dieser Humor erinnert an Paul Hindemith, mit dem Honegger seit den 1920er-Jahren eine innige Freundschaft pflegte, die auch im Umfeld von Sacher gestärkt wurde. Honegger reiste etwa noch 1952, gesundheitlich schwer angeschlagen, nach Basel zur Uraufführung von Hindemiths Sinfonie «Die Harmonie der Welt» unter der Leitung von Sacher.
Dort fand einen Tag später ein Fest zum 25-jährigen Bestehen des Basler Kammerorchesters statt. «Ich war so traurig, dass ich die Kantate von Paul am Scheiterhaufen nicht gehört habe. Ich wusste nichts davon, sonst wäre ich sicher dageblieben», schrieb Honegger an Hindemith. Denn dieser hatte einen Kanon komponiert, für den er ein Thema aus Honeggers Oratorium «Jeanne d’Arc au bûcher» zitierte: «Wir sind froh (sowieso) mit dem braven Kammer-O, […] blüh es immer weiter so, in dulci jubilo, mit unserem Sacher Paulo, ächtes Basler Läckerlo.» Hindemith war inzwischen Professor am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich (vgl. S. 46) – Honegger lebte nach wie vor und bis zum Schluss in Paris, «als Einsiedler am Fuss des Montmartre». Aber die Verbindung zur Schweiz riss nie ab.
Begehbares Geschenk
Wenn ein Teil der Geschichte zu Ende ist, fängt der andere Teil erst an: jener der Pflege eines Erbes, des möglichst freien Zugangs zu Quellenmaterial für Forschungszwecke aller Art. 1973 wurde die Paul Sacher Stiftung gegründet, zunächst mit dem Ziel, Sachers Musikalienbibliothek zu bewahren. Später wurde der Bestand zunehmend erweitert – und zwar systematisch: Vorhandenes wurde durch gezielte Ankäufe möglichst komplettiert, neue Schwerpunkte kamen hinzu. «Zur Eröffnung der Stiftung waren etwa 50 % der Sammlungen ‹schweizerische› Sammlungen. Dann wurde es aber bereits zu Sachers Lebzeiten stetig internationaler. Derzeit sind noch rund 20 % inländisch, wobei auch viele andere Sammlungen deutliche ‹schweizerische› Züge tragen, durch Aufenthalte zum Komponieren, die Zusammenarbeit mit dem Basler Kammerorchester und anderen Orchestern anlässlich Uraufführungen et cetera», erklärt Florian Besthorn auf dem Rundgang durch das Gebäude. Heute umfasst der Bestand über 120 Sammlungen von Komponist*innen sowie Interpret*innen des 20. und 21. Jahrhunderts. Das macht die Stiftung zu einem der international bedeutendsten Forschungszentren für Zeitgenössisches und die jüngere Vergangenheit.
Auf dem Weg in Richtung Keller, wo «ein besonderes Geburtstagsgeschenk Paul Sachers auf uns wartet», deutet Besthorn auf Kisten mit neu eingetroffenem Material, die sich stapeln: «Hier sammelt sich schon einiges an. Und es braucht Zeit, alle Neueingänge zu sichten und angemessen einzupflegen.» Paavo Järvi hat sich gewünscht, noch einige Originalpartituren mit den Eintragungen von Komponist*innen und Interpret*innen zu sehen. Deswegen sind wir jetzt im untersten Geschoss angelangt. «Gleich wird es kalt!», warnt uns Besthorn vor. Dann betreten wir den klimatisierten Kulturgüterschutzraum.
Etliche Laufmeter Compactus-Schränke reihen sich aneinander: Berio, Boulez, Dutilleux, Gubaidulina, Henze, Honegger, Leibowitz, Liebermann, Ligeti, Pagh-Paan, Reich, Rihm, Sacher, Ullmann, Ustvolskaya, Varèse, Webern – und viele mehr. Florian Besthorn zieht vorsichtig einige Schätze von den Ablagen und hantiert mit übergrossen Formaten von Partituren, während Paavo Järvi schon eingetaucht ist in die farbigen Eintragungen Sachers und anderer Dirigenten. «Aber was wünschte sich denn nun jemand wie Paul Sacher, der so vieles hatte, zum Geburtstag?», fragen wir uns. «Wir stehen mittendrin», sagt Besthorn. «Zu seinem 90. Geburtstag gab es das hier! Paul Sacher hat sich mit einem zusätzlichen Kulturgüterschutzraum beschenkt.» In einigen Regalen ist sogar noch Platz – für Zukünftiges.
Arthur Honeggers Lebensstationen
1892 Geboren am 10. März als Sohn von Zürcher Eltern in Le Havre (Frankreich); bleibt sein Leben lang Schweizer Staatsbürger
1909–1911 Studiert am Konservatorium Zürich (Violine, Musiktheorie, Komposition)
1911–1913 Studiert am Pariser Konservatorium (Violine, Instrumentation, Komposition, Orchesterdirektion sowie Kontrapunkt und Fuge)
1913 Lässt sich in Paris nieder
1914/15 Schweizerischer Militärdienst
1915–1918 Setzt Studium bei Charles-Marie Widor (Komposition) und Vincent d’Indy (Dirigieren) fort
1920 Wird Mitglied des Pariser «Groupe des Six»
1921 Uraufführung des Oratoriums «Le Roi David»
1923 Mit «Pastorale d’été» wird mit dem Tonhalle-Orchester Zürich unter Volkmar Andreae erstmals ein Werk von Honegger in Zürich aufgeführt; komponiert «Pacific 231»
1927 Heirat mit der Pianistin Andrée Vaurabourg
1931 Lernt Paul Sacher kennen
1938 Konzertante Uraufführung von «Jeanne d’Arc au bûcher» unter der Leitung von Paul Sacher in Basel; erhält die Ehrendoktorwürde der Universität Zürich; wird Mitglied des Institut de France
1942 Paul Sacher leitet die Uraufführung der ihm gewidmeten 2. Sinfonie mit dem Collegium Musicum Zürich (Wiederholung 1943); szenische Uraufführung der deutschen Übertragung von «Jeanne d’Arc au bûcher» in Zürich
1946 Uraufführung der 3. Sinfonie mit dem Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung des Widmungsträgers Charles Munch
1947 Konzert- und Vortragsreisen durch die USA und Südamerika
1951 Uraufführung der «Monopartita» unter der Leitung von Hans Rosbaud mit dem Tonhalle-Orchester Zürich («der Tonhalle-Gesellschaft Zürich zugeeignet»)
1955 Stirbt am 27. November in Paris
