Neugier auf Neuland macht niemals Halt

Woche für Woche erleben Sie unsere Musikerinnen und Musiker im Konzert, haben mit ihnen nach dem Konzert oder an einem Tag der offenen Tür ein paar Worte gewechselt – small talk eben. Doch wer sind die Menschen hinter dem Orchestermitglied? Was bewegt sie, weshalb sind sie ausgerechnet Musikerin geworden und nicht Arzt oder Lehrerin? Wie lebt es sich in der Gemeinschaft Orchester?

«Auf der Bühne zu sitzen im Wissen, das war's dann gleich, das stelle ich mir furchtbar traurig vor», sagt Martin Hösli, der während dreissig Jahren zweiter Fagottist und Kontrafagottist des Tonhalle-Orchesters Zürich war. In diesen Tagen des Lockdowns wird er pensioniert. Wie er mit diesem unerwarteten Ende seiner beruflichen Laufbahn umgeht, und wie es dazu kam, dass diese in jungen Jahren eine Wendung von der Chemie zu Musik nahm, erfahren Sie in den nächsten Zeilen, notiert von Melanie Kollbrunner.

Martin Hösli geht in Pension. Ob er sein Fagott nochmals auf der Bühne der Tonhalle Maag spielen wird, ist ungewiss: Gerade, bevor das Coronavirus auch in Zürich um sich gegriffen hat, konnte er noch bei einer Lieblingssinfonie mitwirken – ein tröstlicher Gedanke.

Covid-19: Apps, Antikörpertests und Reisebestimmungen. Vor allem Kurven, Fallzahlen. Martin Hösli will es genau wissen, sieht sich die Dinge von allen Seiten an. «Man muss realistisch sein», sagt er. Mehrere Szenarien vor Augen zu haben, das sei Pflicht. Wenn alles den Weg nimmt, den er erwartet, dann hat er am 27. Februar nach 30 Jahren als zweiter Fagottist und Kontrafagottist des Tonhalle-Orchesters Zürich sein letztes Konzert gespielt. Im Juli wird er 65, dann geht er in Pension.

Blendet er heute 45 Jahre zurück, dann erinnert er sich an seine Zeit an der ETH Zürich: Martin Hösli studierte dort Chemie während vier Semestern und schloss sein Vordiplom erfolgreich ab. Trotzdem liess seine Motivation für das Studium nach, obwohl er doch schon einen Kellerraum seines Elternhauses in ein Labor verwandelt hatte, als Chemikalien noch herrlich einfach erhältlich waren. Martin Hösli lacht. Überhaupt lacht er viel: Über das Leben, über sich selbst.

Seine jungen Jahre waren auch jene vieler Konzertbesuche in der Tonhalle, die gerade saniert wird. «Ich sass in den Reihen und dachte: Selbst zu musizieren, das muss sein.»

Freundliches Fagott

Martin Hösli zeigt in seinem Haus in Fehraltorf auf den Flügel, der im Hintergrund zu sehen ist, während er per Videoanruf erzählt, wie er von der Chemie zur Musik fand. Viele Leute spielten darauf: Seine beiden Kinder und die seiner zweiten Frau, sie ist Cellistin. Martin Hösli hat sie vor vielen Jahren beim Weihnachtsoratorium im Nachbardorf kennengelernt. Und auch unzählige Gäste, die den musikalischen Haushalt mit Kammermusik bereicherten, wenn die Familie gerade nicht samt Instrumenten auf Reisen war.

Seine berufliche Neuausrichtung wählte Martin Hösli aber nicht nur praktisch am Klavier, ab 1977 studierte er Musikwissenschaft an der Universität Zürich und schloss die anspruchsvollen Akzessprüfungen ab. Gleichzeitig beschloss er, ein Instrument zu lernen, mit dem man primär mit anderen Menschen und auch im Orchester musizieren kann. Das Fagott war ihm sympathisch: «Es ist freundlich», sagt er, «warm im Klang und nahe an der menschlichen Stimme». Zudem mag er den grossen Tonumfang. Zwei intensive Jahre später bestand er die Aufnahmeprüfung an die Berufsschule des Konservatoriums Zürich. Es war Manfred Sax, der langjährige Solofagottist des Tonhalle-Orchesters Zürich, der ihn dann unterrichtet hatte.

Live-Unterricht im Lockdown

Nach regelmässigen Einsätzen als Zuzüger klappte das Vorspiel für seine heutige Stelle auf Anhieb: Er wurde 1990 als festes Mitglied des Orchesters aufgenommen. Wäre ihm damals schon klar gewesen, dass sein Weg hierhin führen würde, hätte er dann nach dem Orchesterdiplom noch eine Ausbildung zum Mittelschullehrer angehängt? Realist, der er ist, wohl schon. «Allein von der Orchestermusik zu leben, das hätte ein steiniger Weg werden können», Martin Hösli wollte sichergehen, den Weg zum Klassenunterricht wählte er deshalb als eines von drei Standbeinen: Er liess sich zum Musiklehrer für Mittelschulen ausbilden und gab zudem Einzelunterricht, lange Zeit auch an der Musikschule Konservatorium Zürich. Seiner Lehrtätigkeit geht er bis heute nach, weil er die Musikvermittlung und seine Schüler sehr gern gewonnen hat: Noch immer unterrichtet er zwei Schüler. Er tut dies per Liveübertragung oder spielt Begleitstimmen ein in diesen Tagen des Lockdowns, in denen gleichzeitig seine Berufstätigkeit zu Ende geht.

«Ich freue mich sehr auf alles, was kommt», sagt er. Er kann nun mehr Zeit auf seinem Velo verbringen, im Tösstal, am Pfäffikersee, wo immer ihn der Tag hintreibt. Bis zu den Schlössern des Bordeauxgebietes vielleicht, die er seit den 70er-Jahren besucht, wenn auch vorerst in Gedanken. Von diesen Reisen jedenfalls zeugt sein Weinkeller, auch Freunde aus dem Orchester haben diesen zu schätzen gelernt. Das Schachturnier, das er jährlich für sie im Garten veranstaltet, müsse er in diesem Sommer schweren Herzens ausfallen lassen.

Geliebte Sinfonie in g-Moll

Der Gedanke, dass sein Abschied von der Bühne schon vollzogen sein könnte, dass sein letztes Konzert seiner Einschätzung gemäss jenes vom 27. Februar gewesen sei, empfindet Martin Hösli als tröstlich. Sol Gabetta spielte Schumanns Cellokonzert unter der Leitung von Giovanni Antonini: «Es war wunderbar.» Überdies stand Mozarts grosse Sinfonie in g-Moll auf dem Programm, eines seiner Lieblingswerke: «Es berührt mich tief und ist gerade auch für das Fagott eine sehr dankbare Livekommunikation mit den Kolleginnen und Kollegen», sagt er. Diese werde er mehr als alles andere vermissen. Ohnehin liegt ihm der Abschied auf dem Magen: «Auf der Bühne zu sitzen im Wissen, das war's dann gleich, das stelle ich mir furchtbar traurig vor.» Wer aber weiss, welches Neuland im nächsten Abschnitt auf ihn wartet? Zum Glück habe das Leben realistisch betrachtet mehr als einen glücklichen Weg zu bieten.

Melanie Kollbrunner

veröffentlicht: 25.04.2020