Zehn Tage Japan
Das Orchester mit Paavo Järvi und den Solist*innen Janine Jansen und Kyohei Sorita wurde in sechs Konzerten gefeiert.
Der lange Weg nach Japan führte uns in zwei Reisegruppen über Amsterdam oder Helsinki, bevor wir nach gefühlt endlosen Passkontrollen endlich in Tokio ankamen. Im Herbst 2023 war das Orchester hier zuletzt mit Paavo Järvi zu Gast gewesen – nun warteten erneut sechs Konzerte auf uns. Eine intensive Reise voller Musik, Begegnungen und besonderer Momente begann.
Der Auftakt fand in Yokohama statt, rund eine Stunde südlich von Tokio. Den Tag davor nutzten wir, um anzukommen – im wahrsten Sinne des Wortes. Zwischen Jetlag, ersten Erkundungen und kleinen persönlichen Abenteuern suchte jede*r den eigenen Rhythmus: Einige zog es in die Berge, andere in Musikgeschäfte oder auf die Suche nach japanischen Küchenmessern, Gitarren oder besonderen Souvenirs. Dieser freie Tag ist fast unverzichtbar, um Körper und Geist auf Japan einzustimmen.
Das erste Konzert fühlte sich gut an. Die Geigerin Janine Jansen, die wir von unseren Konzerten in Zürich bestens kennen, war wie immer sublim und von einer unglaublichen Aura umgeben. Ein fast voller Saal war begeistert. Als wir unter den Gästen plötzlich Toshio Hosokawa entdeckten – unseren Creative Chair der Saison 2022/23 –, war die Freude gross, in der Ferne ein vertrautes Gesicht zu sehen.
Japanisches Publikum erlebt klassische Musik auf eine eigene Weise. Paavo Järvi bemerkte mehrfach, wie aussergewöhnlich es sei, dass hier nach den Konzerten Scharen von Menschen auf Künstler*innen warten – geduldig, respektvoll und voller Begeisterung, um Autogramme zu erhalten oder Erinnerungsstücke signieren zu lassen.
Auch der Applaus ist anders als zuhause: lang, konzentriert und voller Wertschätzung. Selbst wenn auf der Bühne bereits mit dem Abbau begonnen wird, ruft das Publikum den Dirigenten noch einmal zurück. Gleichzeitig bleibt es in den Foyers erstaunlich still – vor und nach dem Konzert herrscht eine beinahe andächtige Atmosphäre.
Ein Höhepunkt jeder Japan-Tournee bleibt die legendäre Suntory Hall in Tokio. Vor genau vierzig Jahren wurde sie von Herbert von Karajan eröffnet, und bis heute ist sein Mythos dort spürbar. Der Platz vor der Halle trägt seinen Namen.
Auch hier war das Publikum hochkonzentriert und respektvoll. Keine Handys, keine Videos, keine Fotos – weder vor noch nach dem Konzert. Die Musik und der Respekt vor den Künstlern stehen im Mittelpunkt.
Auch für das Orchester ist ein Auftritt in diesem Saal etwas Besonderes, und es war zu spüren. Unser Klang kam in der Akustik der Suntory Hall wunderbar zur Geltung, und die Musiker*innen spielten entfesselt. Tschaikowsky Sinfonie Nr. 5 wirkte unglaublich energetisch – «ein Statement», befand nicht nur der Schweizer Botschafter, erst recht angesichts der Tatsache, dass hier sehr viel Tschaikowsky gespielt wird. Bruckners 4. Sinfonie vom ersten Abend, die auch für das japanische Publikum immer noch anspruchsvoll ist, stiess ebenfalls auf begeistertes Echo.
Der japanische Pianist Kyohei Sorita begeisterte mit Beethovens drittem Klavierkonzert sein heimisches Publikum. Und nicht nur wir selbst waren glücklich über diese Konzerte – auch unser Partner Japan Arts, der regelmässig internationale Spitzenorchester präsentiert, sprach von «outstanding performances».
Hinter der Bühne herrschte derweil Ausnahmezustand. Zahlreiche Gäste, Freunde und Fans warteten auf Paavo Järvi. Manche standen noch neunzig Minuten nach Konzertende vor der Halle oder in der Tiefgarage, um ein Foto oder ein Autogramm zu ergattern. Diese Begeisterung ist in Europa eher selten.
Unser Haupt-Partner LGT begleitete nahezu die gesamte Tournee. Allein in der Suntory Hall waren 170 Gäste eingeladen. Die Nachfrage nach Tickets war so gross, dass problemlos noch mehr Plätze hätten vergeben werden können – doch der Saal war restlos ausverkauft. Beim anschliessenden Empfang entstanden unzählige Selfies mit den Solist*innen und Paavo Järvi. Auch der Schweizer Botschafter zeigte sich beeindruckt und stolz auf das Orchester, das sich inmitten der internationalen Spitzenensembles in herausragender Form präsentiere. Erste Kritiken bestätigten diesen Eindruck.
Nach dem letzten Konzert in Tokio, in der Sumida Triphony Hall, mussten wir allerdings das geplante Signing absagen. In Japan werden die Mietzeiten eines Konzertsaals minutiös eingehalten, und nachdem wir mit zwei Zugaben das Zeitlimit vollständig ausgeschöpft hatten, blieb schlicht keine Möglichkeit mehr. Nach vier Konzerten im Grossraum Tokio reisten wir weiter nach Nagoya. Die Fahrt mit dem Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen bleibt jedes Mal faszinierend – präzis, ruhig und unglaublich effizient.
Auch Nagoya hat einen hervorragenden Konzertsaal. Die Architektur verbindet klassische «Schuhschachtel»-Akustik mit modernen Arena-Elementen: ideale Bedingungen für ein perfektes Konzert, Dynamik und Balance waren im Saal perfekt abgestimmt. Nach dem Schlussapplaus ging es direkt weiter nach Osaka. Während wir noch unterwegs waren, war unser Gepäck längst im Hotel angekommen.
Kulinarisch stellte uns Japan dagegen manchmal vor Herausforderungen. Nach Konzertende waren bereits viele Restaurants zu, mehrheitlich schliessen die Küchen gegen 21-21.30 Uhr. Also stürmten wir nach dem Konzert in Nagoya gemeinsam die kleinen Geschäfte und Essensstände im Bahnhof, deckten uns mit Bento-Boxen, Snacks und Getränken ein.
Den Abschluss der Tournee bildete die Rückkehr in die Osaka Symphony Hall, wo wir bereits 2023 gespielt hatten. Die Kuhn-Orgel im Saal liess sofort ein kleines Stück Heimatgefühl aufkommen. Hervorragende Sichtlinien, eine beeindruckende Akustik und grosse Transparenz selbst bei dicht orchestrierten Passagen machten die Halle zum idealen Ort für Bruckners 4. Sinfonie. Der grosse Applaus am Ende fühlte sich an wie der perfekte Schlusspunkt einer intensiven und erfolgreichen Tournee.
Ein besonderer Dank gilt unserem Tourneearzt Michel Trösch, der sich wie immer mit grosser Ruhe und Aufmerksamkeit um die Patient*innen kümmerte. Ebenso genossen unsere Mitreisenden Adèle Zahn Bodmer (Mitglied Verwaltungsrat) und René Rausenberger (Quästor Vorstand Freundeskreis) die unmittelbare Nähe zum Orchester und den Einblick in das Tourneeleben. Unsere Orchestertechnik arbeitete erneut hochprofessionell mit den lokalen Teams zusammen – kaum war das Konzert vorbei, verschwand das Equipment in beeindruckender Geschwindigkeit, es sah aus, als wären wir nie da gewesen.
Und vielleicht bleibt am Ende vor allem eines in Erinnerung: das Publikum in Japan. Jung, aufmerksam, diszipliniert und zugleich voller Leidenschaft für klassische Musik. Dass westliche Klassik hier bis heute eine so bedeutende Rolle spielt, hat historische Gründe. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Musikunterricht stark auf westliche Musik ausgerichtet. Viele Kinder lernen Geige oder Klavier statt traditioneller Instrumente wie Shô oder Shakuhachi. Besonders Beethoven nimmt einen fast mythischen Platz ein – seine Neunte Sinfonie gehört in Japan für viele Menschen fest zur Silvestergala.
Vielleicht liegt genau darin die besondere Verbindung zwischen Japan und der klassischen Musik Europas: In einer stark reglementierten und strukturierten Gesellschaft schafft Musik Räume für Sehnsucht, Emotion und Freiheit. Genau diese Intensität war in jedem unserer Konzerte spürbar.
Und zum Schluss noch ein paar Worte zu unserer Kuh «Toni». Sie begleitete unsere Tournee ebenfalls und sorgte für heitere fotografische Momente.
Die Japan-Tournee wurde unterstützt von Merbag.
